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Erinnerungen von Botschafter a.D. Hermann Huber: Eine historische Aufarbeitung der Ereignisse, die zur deutschen Wiedervereinigung
geführt haben, wird die dramatischen Vorgänge im Spätsommer und Herbst
des Jahres 1989 in Prag nicht außer Acht lassen können, als Tausende
von Flüchtlingen aus der DDR Zuflucht in der Botschaft der Bundesrepublik
Deutschland suchten. Der im August 1989 plötzlich einsetzende Ansturm
auf die Botschaft war nicht nur von der Dimension her ein Novum, sondern
stellte auch qualitativ eine völlig neue Situation dar, mit der es galt
sich auseinander zu setzen.
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| Sie kumulierte schließlich am 3. November 1989 in einer Ausreiseregelung, die den eisernen Vorhang und die Berliner Mauer obsolet werden ließ. Dieses Faktum scheint mir in bisherigen Dokumentationen zur deutschen Einigung zumindest unterrepräsentiert, soweit es überhaupt Erwähnung findet. DDR - Flüchtlinge hat es in unserer Prager Botschaft immer gegeben, seit wir das Palais Lobkowicz bezogen hatten. Vor meinem Dienstantritt als Botschafter in der ÈSSR im November 1988 wurde ich mit diesem Umstand in Bonn vertraut gemacht. Im übrigen führte mich eine Dienstreise schon im Dezember 1984 nach Prag, als die Botschaft bereits einmal eine größere Welle von Flüchtlingen - es waren bei meiner Ankunft etwa 160 - zu versorgen hatte. Das Problem war mir also nicht fremd. Im Innerdeutschen Ministerium (BMB) war ich auch in die Geheimnisse des Freikaufs und die Rolle eingeweiht worden, die Rechtsanwalt Dr. Vogel in diesem Zusammenhang spielte. Als ich am 17. Dezember 1988 dem damaligen Staatspräsidenten Husák mein Beglaubigungsschreiben überreichte, gab es keine DDR - Flüchtlinge in der Botschaft. Erst im Februar/ März 1989 stellten sich die ersten Zufluchtsuchenden ein, die entweder über den rückwärtigen Botschaftszaun auf unser Gelände gekommen waren, oder denen es auf andere Weise gelang, die strenge Wache der tschechoslowakischen Miliz zu überlisten, die jeden Besucher kontrollierte. Wir brachten sie im Dachgeschoß der Botschaft unter, das als Notquartier ausgebaut worden war, versorgten sie mit Lebensmitteln und schalteten, wie üblich, das BMB ein. In den folgenden Monaten bewegte sich die Zahl der Zufluchtsuchenden, die sich gleichzeitig in der Botschaft aufhielten zwischen etwa fünf und dreißig Personen, je nachdem wie schnell und gut die Verhandlungen zwischen BMB und Rechtsanwalt Vogel liefen. Im einzelnen bedeutete dies für die Flüchtlinge, daß sie versehen mit gewissen Zusagen von Vogel die Rückreise in die DDR antraten und dort einen regulären Ausreiseantrag stellen konnten, der ihnen in der Regel die Ausreise in die Bundesrepublik nach mehreren Monaten ermöglichte. Keine Ausreisegenehmigung erhielten Straftäter nach DDR - Recht und Personen, die sich durch die Flucht der Wehrpflicht entziehen wollten. Gleiches galt sog. für Geheimnisträger. Da es uns richtig und wichtig erschien, die èsl. Behörden in gewissem Umfang einzubinden, unterrichteten wir den Leiter der im Außenministerium für uns zuständigen Abteilung von Zeit zu Zeit über die Anzahl der Zufluchtsuchenden in der Botschaft, ohne freilich Namen zu nennen. Dies fiel uns um so leichter, als wir überzeugt sein konnten, daß unsere Mitteilungen für das Außenministerium keine Überraschungen enthielten. Mit dieser Situation, d. h. einer ständig wechselnden
Anzahl von Zufluchtsuchenden, die sich aber im Rahmen dessen hielt, was
wir mit Bordmitteln gut bewältigen konnten, mußten wir leben. Soweit also in kurzen Worten das politische Umfeld, in dem sich das sicher größte Flüchtlingsproblem zusammenbraute, das eine deutsche Botschaft bisher erlebte und das, wie ich meine, nicht unwesentlich zur Destabilisierung der DDR beitrug und ihren Zusammenbruch mitverursachte. Mit dem plötzlich erfolgten rapiden Anstieg der täglichen Neuzugänge - die Zahlen bewegten sich zwischen 20 und 50 Flüchtlingen - war uns klar geworden, daß die uns bislang bekannten logistischen Probleme eine völlig neue Dimension angenommen hatten. Von den Zufluchtsuchenden wußten wir, daß man in der DDR die Furcht hegte, Honecker würde nach den für Herbst anstehenden Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR die Grenzen auch zur ÈSSR schließen,- dem einzigen Land, in das DDR-Bürger ohne Visum reisen durften. Unter diesen Umständen mußten wir uns auf noch wesentlich höhere Flüchtlingszahlen einrichten. Auf Weisung des Auswärtigen Amts wurde die Botschaft
am 23. August für den Publikumsverkehr geschlossen. Diese Maßnahme versuchten
die tschechoslowakischen Behörden sogleich gegen uns zu verwenden, indem
sie anzweifelten, daß die Botschaft noch funktionsfähig sei. Die Absicht,
die hinter solchen Schachzügen steckte war evident. Wir beeilten uns daher,
für unsere Konsularabteilung Ausweichquartiere in einem Hotel einzurichten. Wir begannen nun in erweitertem Umfang Bestellungen von
Lebensmitteln, Büchsen aller Art Kaffee, Tee und dergl. zu tätigen. Dabei
war uns klar geworden, daß bei weiter steigender Tendenz unsere bisher
praktizierten Versorgungsmodalitäten nicht beibehalten werden konnten.
Noch immer kauften nämlich Ehefrauen, Kolleginnen und Kollegen frische
Lebensmittel in Prag, die wir lediglich zum Teil durch Nudeln etc. aus
der Bundesrepublik ergänzten. Der Botschaftsbus fuhr jetzt allerdings
täglich nach Furth i. Wald, wo wir vor allem Gemüse, Unmengen von Bananen,
Sportgeräte, Spielsachen und ähnliches einkauften. Mehr und mehr zeigte sich die qualitative Änderung in der Zusammensetzung der Flüchtlinge. Während früher bei vielen die Bereitschaft bestand, gegen Zusagen von Rechtsanwalt Vogel die Botschaft zu verlassen, zeigte sich jetzt mehr und mehr eine militante Haltung, die darauf abzielte, das DDR-Regime zu Zugeständnissen zu zwingen. Sie wollten unmittelbar in die Bundesrepublik ausreisen. Da sich nichts in dieser Hinsicht bewegte, drohten einige mit Hungerstreik. In aller Höflichkeit entschuldigten sie sich bei mir, daß sie mir dies antun müßten, aber sie wollten auf diese Weise die Weltöffentlichkeit auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Der Zeitpunkt der Leipziger Messe scheine ihnen geeignet zu sein. Es gelang mir nach langer Diskussion, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Aber ich war mir natürlich über die Brisanz der sich immer mehr zuspitzenden Situation im klaren. Anfang September schlug das Wetter um, es regnete in Strömen und der Botschaftspark verwandelte sich in eine Schlammwüste. Über die in jeder Hinsicht sehr hilfreiche Standortverwaltung der Bundeswehr in Weiden erhielten wir durch Vermittlung unseres Militärattachés Munitionspaletten, die wir als Zeltböden nutzten. Auch Lebensmittel aller Art, Schlafsäcke und warme Kleidung kamen auf diesem Weg. Natürlich konnte all das nur in zivilen Lastwagen transportiert werden, die jedoch niemals Probleme hatten, die Grenze zu überqueren. Am 11. 9. melde ich dem Auswärtigen Amt 434 Zufluchtsuchende.
Der bevorstehende Besuch von RA Vogel, wird mit einer gewissen Spannung
erwartet. Er traf am 12. 9. mit seiner Frau, Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi
und einem weiteren Anwalt aus der DDR in der Botschaft ein. In dem 3stündigen
Gespräch mit den Flüchtlingen erweiterte Vogel seine bisherigen Zusagen
um wesentliche Punkte, bestand jedoch weiterhin auf Rückkehr in die DDR,
zur Bearbeitung der jeweiligen Ausreiseanträge. Inzwischen hatten wir Unterstützung durch das Deutsche Rote Kreuz erhalten. Die Botschaft war bei der ständig ansteigenden Zahl von Flüchtlingen schlicht überfordert, die Versorgung mit Bordmitteln zu garantieren. Die Zusammenarbeit mit dem DRK war hervorragend. Die Einsatzleiterin, Frau Schroeder, selbst Vorsitzende der DRK Sektion Schleswig Holstein, sprach alle Fragen von Bedeutung mit mir ab. Sie war buchstäblich Tag und Nacht auf den Beinen. Ich fürchtete oft, daß sie die Strapazen physisch auf Dauer nicht durchstehen würde. Natürlich hatte das DRK Ärzte mitgebracht, auch vom Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amts wurde ein Arzt entsandt, schließlich gab es auch unter den Flüchtlingen einige Ärzte. Dennoch wurde die Lage kritisch, als eine Frau in die Wehen kam und sich herausstellte, daß niemand Geburtshilfe leisten konnte. Wir brachten die Frau endlich dazu, ihrem Transport in eine Klinik zuzustimmen. Von dort aus durfte sie dann wieder zurückkehren und konnte mit ihrem Baby über Berlin Schöneberg in die Bundesrepublik ausreisen, nachdem sie die Ausreise am 30. September mit einem der Züge versäumt hatte. RA Vogel organisierte diese unbürokratische Hilfe. Als Vogel am 26. 9. wieder in die Botschaft kommt, um
die Flüchtlinge mit erneut aufgebesserten Angeboten zur Rückkehr in die
DDR zu bewegen, schlägt ihm eine Woge eisiger Feindseligkeit entgegen.
Er wird teilweise regelrecht ausgepfiffen und merkt, daß sich die Situation
in den vergangenen zwei Wochen grundlegend geändert hatte. Die Zahl derer,
die sich zur Rückkehr überreden lassen, ist bei weitem geringer, als die
Zahl der weiter zuströmenden Flüchtlinge, die jetzt bereits 1600 überschreitet.
Bei uns steigt die Ratlosigkeit. Auch unter den Flüchtlingen zeigt sich
wachsender Unmut, der sich in Protestaktionen verschiedener Art manifestiert.
So rasierten sich alle Männer von Zelt 16 die Haare ab und bewiesen auf
diese nicht gerade wirksame Art ihre Unzufriedenheit mit der Politik der
èsl. Behörden. Mit steigender Zahl der Flüchtlinge war naturgemäß eine
gewisse Anonymität eingetreten. Das persönliche Verhältnis, das wir zu
den ersten Flüchtlingen noch hatten, ließ sich so nicht auf alle ausdehnen.
Vorbei waren die Zeiten, wo man noch seinen Speisezettel in jedem Zelt
bestimmte, Essen gab es nur noch aus der Feldküche, die Nächte wurden
kälter, die Wartezeiten vor den 22 Toiletten wurden länger und die Schlafgelegenheiten
wurden enger. Vor allem aber: es zeichnete sich noch immer keine Lösung
ab. Wenig später beginnt bereits der Abzug der ersten Flüchtlinge zu den Bussen, die von der Botschaft der DDR bereitgestellt worden waren. Die Flüchtlinge sind überglücklich. Die Züge werden von hohen Beamten des Auswärtigen Amts, von Staatssekretär Priesnitz vom BMB und von Botschaftsangehörigen begleitet. Um 7. 00 Uhr morgens des nächsten Tages verläßt der letzte Zug Prag. Ich bin die ganze Nacht auf den verschiedenen Bahnsteigen. Um 8.00 Uhr lege ich mich schlafen. Schon lange weiß ich nicht mehr, was das eigentlich ist, Schlaf. Aber schon um 10.00 Uhr stehe ich wieder auf und schaue mir Hof, den Park, das Gebäude an. Eine gespenstische Stille liegt über dem infernalischen Chaos, das sich mir darbietet. Irgendwie fehlten mir die Flüchtlinge,- aber das ist sicher schwer zu verstehen. Es war vielleicht auch die innere Leere, die man nach all den Wochen der Anspannung fühlte. DRK-Helfer laden meine Frau und mich ein, im Hof mit ihnen eine Gulaschsuppe zu essen. Wir waren dankbar dafür. Sie hatten wohl unsere seelische Verfassung bemerkt. Gegen Mittag hatten sich schon wieder an die 200 Menschen
vor dem Tor der Botschaft versammelt und begehrten Einlaß. Sie waren zu
spät für die Ausreiseaktion gekommen. Nach Rücksprache mit dem AA versuchte
ich ihnen klarzumachen, daß sich diese außergewöhnliche Ausreise wohl
nicht wiederholen ließe. Am 1. November 1989 hob die DDR den Visumszwang für Reisen
in die ÈSSR wieder auf. Sofort schwoll der Strom von Zufluchtsuchenden
in der Botschaft wieder an und war schließlich kaum mehr zu kontrollieren.
Schon am 3. 11. nachmittags waren mehr als 5000 Personen auf dem Botschaftsgelände.
Hiller versuchte, wie wir schon früher in Demarchen, wenigstens vorläufig
eine sog. Turnhallenlösung durchzusetzen. Dazu kam es nicht mehr. Man
bedeutete ihm im Außenministerium, daß alle politischen Instanzen pausenlos
tagten. Es gehe darum, gemeinsam mit Moskau und Pankow eine Linie in der
Flüchtlingsfrage abzustimmen. |
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